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Pünktlichkeit Teil 1 - Bereitstellung im Werk Rummelsburg: Aus zwei wird eins

Welche Faktoren beeinflussen, ob ein Zug pünktlich sein Ziel erreicht? Welche Störungen können auftreten? Wie viele Kollegen an wie vielen Standorten sind beteiligt? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, begleiten wir einen Zug – den ICE 944 von Berlin nach Hannover – aus verschiedenen Perspektiven. Los geht es früh morgens im Instandhaltungswerk Rummelsburg.

Große Geschichte der Pünktlichkeit – Hintergrund:

Wir wollten wissen, warum das eigentlich manchmal so schwierig ist mit der Pünktlichkeit. Also haben wir uns mit unserem Hauptdarsteller, dem ICE 944, auf die Reise von Berlin nach Hannover begeben. Sechs Redakteurinnen waren gleichzeitig unterwegs, um den Zug aus unterschiedlichen Perspektiven zu begleiten: aus dem Instandhaltungswerk Rummelsburg, den Betriebszentralen in Berlin und Hannover, aus dem Führerstand, aus Perspektive der Zugchefin und aus der Netzleitzentrale in Frankfurt am Main. Fünf Teile eines komplexen Pünktlichkeits-Puzzles, die wir in den nächsten Wochen veröffentlichen werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dafür mit dem Anspruch, einen Einblick zu geben in all das, was passen und zusammenspielen muss im komplexen System der Pünktlichkeit.

Wenn der Tag anbricht in Rummelsburg

4:00 Uhr ICE-Werk-Rummelsburg. Die Nacht hüllt noch alles in Dunkelheit. Nur eine riesige Halle wirft reichlich Licht nach außen. Während Berlin noch schläft, herrscht hier maximale Betriebsamkeit. Ein ICE-Werk wie Rummelsburg kennt keine Nacht. Andreas Milde steht mit Helm vor den Werkstatttüren. Auch für die DB-Planet-Redakteurin hat er einen dabei. Tragepflicht - Safety first. Doch warum sind wir hier: Wir suchen den ICE 944, er soll heute pünktlich um 7:22 Uhr ab Berlin-Ostbahnhof über Hannover in Richtung Düsseldorf starten.

Diesen Zug wollen wir begleiten, von der Bereitstellung bis zur Ankunft in Hannover. Aber dass es so einfach nicht ist, zeigt sich schon hier: Der ICE 944 wird aus zwei Zugteilen bestehen. Genaugenommen aus zwei ICE, die am Vortag nicht gemeinsam unterwegs waren. 420 Meter lang werden die beiden zusammen sein, mit Sitzplätzen für 762 Reisende. Und ein Blick ins Buchungssystem zeigt: fast zu 100 Prozent ausgebucht. Machen wir uns also gemeinsam mit Andreas Milde, Werkstattleiter in Rummelsburg auf die Suche. Wir eilen durch die Halle. Schnell ist klar: Hier wartet keiner auf uns. Hier gibt es einen Anspruch, der alle eint: pünktliche Bereitstellung der ICE-Züge, die gewartet und gereinigt werden. „Ich muss früh den Fahrplan bedienen, das heißt der Zug muss technisch einwandfrei vom Hof rollen, der Rest ist Komfort!“, lautet die klare Ansage von Andreas Milde.

Meister Heiko Staar hat virtuell alle Züge in der Werkstatt im Blick

Jeder Handwerker hat ein Tablet und bekommt die Aufgaben digital mitgeteilt. Von 3:30 Uhr bis 4:30 Uhr sind vier Handwerker an und in unserem Zug unterwegs. Mit einem umfangreichen Arbeitspaket: das komplette Laufwerk und die Bremsen müssen geprüft werden. Außerdem müssen auch Stromabnehmer, Isolatoren und Antennen auf dem Dach auf Funktionstüchtigkeit und Sicherheit untersucht werden.

Alles am Zug wird überprüft, auch Laufwerk und Bremsen.

„Neben den konkreten Aufgaben, die abzuarbeiten sind, schauen die routinierten Kollegen immer auch nach Auffälligkeiten. Stellen sie welche fest, die größer oder sicherheitsrelevant sind, kann ein Zug nicht wie geplant die Werkstatt verlassen. Dann erfolgt die schnelle Rückmeldung an den Instandhaltungsleiter“, erklärt Andreas Milde. Das kommt gelegentlich vor und kann der Todesstoß für die pünktliche Bereitstellung sein. Der Instandhaltungsleiter meldet solche Defekte umgehend der technischen Betriebsführung des Flottenmanagements. Der Ressourcendisponent klärt anschließend gemeinsam mit den Disponenten der Flotte in Frankfurt, welcher Zug im oder auf dem Weg ins Werk als Alternative in Frage kommt. Dann muss die Bereitstellung dieses Zuges vorgezogen und kurzfristig umdisponiert werden. Immer im Blick das gemeinsame Ziel: die pünktliche Bereitstellung.

Zugteil 1: technisch einwandfrei

In dieser Nacht läuft es. Kleinere diagnostizierte Mängel können sofort behoben werden. Auf dem Tablet werden die Arbeiten virtuell abgehakt. Um 4:30 Uhr ist die Arbeit der Handwerker am ICE 944 Zugteil 1 getan. Aus technischer Sicht ist der Zug einwandfrei in Ordnung. Davon müssen sich für jeden Zug im Vier-Augen-Prinzip auch der Meister und der Instandhaltungsleiter überzeugen. Über SAP ISI gibt der Meister nach Kontrolle den Zug frei. Der Instandhaltungsleiter prüft die durchgeführten Arbeiten. Anschließend nimmt er die Wiederinbetriebnahme vor. Aus Sicht der Werkstatt steht der pünktlichen Abfahrt von Zugteil 1 nichts im Weg.  

Aber schick und sauber soll es ja auch sein

Zeitgleich geht das Team von DB Services durch den Zug und reinigt ihn. Alte Zeitungen, Kaffeebecher, leere Flaschen werden entsorgt. Der Zug gesaugt, Kissen gerichtet und die Rückenlehnen in eine aufrechte Position gebracht. Toiletten werden gereinigt, Papierhandtücher und Toilettenpapier aufgefüllt. Fun Fact: Pro Monat werden in Rummelsburg 35.000 Rollen Klopapier auf die Züge gebracht. „Beauftragt werden die Kolleginnen und Kollegen dafür von der Feinplanung. Kommen die Züge später oder anders als geplant, stimmen sich der Ressourcendisponent und der Schichtleiter von DB Services im laufenden Betrieb ab, um möglichst viele Züge optimal zu reinigen. Dafür hat sich bewährt, dass der Schichtleiter von DB Services mit in der BSL sitzt.“ erläutert Wallstein.

Da kommt schon ordentlich was an Müll zusammen.

Und damit besonders im morgendlichen Verkehr nach Hannover niemand auf den ersten Kaffee mit Croissant verzichten muss, ist auch ein Kollege der Logistik gerade im Zug und sorgt im Bordbistro für Nachschub an Kaffee, Kaltgetränken, Snacks und Bechern. Was aufgefüllt werden muss, wurde ebenfalls vorgeplant. Jeder Handgriff sitzt. Die Zeit ist knapp und auch Paul Schlieker hat die pünktliche Bereitstellung im Blick. Zwei Stunden ist er etwa pro Zug beschäftigt. Erst wird aus- und aufgeräumt, anschließend neuer Vorrat aufgelegt. „An die 80 Züge bestücke ich pro Woche, da weiß man fast im Schlaf, was wohin gehört.“

Paul Schliecker bestückt das Bistro.

Damit ist Zugteil 1 durch. Repariert, gereinigt und mit Vorräten versorgt. Die Chefin der Bereitstellung Wallstein ist zufrieden: „Alle bisher beteiligten Bereiche haben Hand in Hand perfekt gearbeitet. Keine unerwarteten Überraschungen am Zug. Bis hierher hat das komplexe System funktioniert. Das ist nicht immer so. Doch wenn etwas schiefgeht“, schiebt Wallstein noch nach, „klappt die Zusammenarbeit am besten. Im Ernstfall wollen es alle hinbekommen!“

Der halbe Zug ist schonmal pünktlich

Es ist 5:00 Uhr. Der halbe Zug ist schonmal pünktlich und rollt vom Behandlungsgleis in die Abstellung. Das übernimmt ein sogenannter Bereitstellunglokführer. Auch sein Einsatz wird von der BSL koordiniert. 

Zugteil 1 pünktlich in der Abstellung und in Warteposition auf seinen Einsatz.

Hier übernimmt der diensthabende B-Disponent und Weichenwärter. B steht für Betrieb. Er koordiniert den Einsatz der Lokführer, die den Zug innerhalb des Werksgeländes fahren oder auch bist zum Startbahnhof. Außerdem legt er auch fest, auf welchen Abstellgleisen die Züge nach getaner Vorbereitung auf ihre Zugfahrt warten. „Dafür braucht der Kollege die Zusatzausbildung als Weichenwärter, um über den Betriebsführungsrechner die Fahrstraßenanforderungen an das Stellwerk zu stellen. Sobald die Züge das Werksgelände verlassen, übergibt er an den Fahrdienstleiter von DB Netz in der Betriebszentrale in Berlin Pankow“, erklärt Wallstein. Heute ist Marco Gebhardt im Dienst als B-Disponent. Er sieht auf zahlreichen Bildschirmen alle Gleise im Werk, wo sich die Züge gerade befinden und ob an ihnen gearbeitet wird. Auch Zugteil 1 des ICE 944 hat er im Blick und ist via GSM-R-Funk bereits im Austausch mit dem Bereitstellungslokführer sowie dem Fahrdienstleiter in der Betriebszentrale.

B-Disponent und Weichenwärter Marco Gebhardt hat auch unseren Zug im Blick.

Wo ist die zweite Hälfte?

Fehlt noch Zugteil 2. Der ist noch nicht auf dem Werksgelände. Es ist 5:30 Uhr. Doch von Hektik in der BSL keine Spur. Um 6:13 Uhr rollt er verspätet in den Betriebsbahnhof ein. Bis dahin war er als ICE 949 von Köln nach Berlin als Nachtverbindung unterwegs und hat die letzten Fahrgäste erst um 5:36 Uhr am Berliner Hauptbahnhof entlassen. Nun bleibt ihm nur noch Zeit für eine Wende in Rummelsburg. In diesem Fall ist es sogar eine Kurzwende. Kurzwende heißt: Unser Zug hat ungefähr 20 Minuten Aufenthalt im Werk und bekommt maximal frisches Wasser eingefüllt. Was Zugteil 1 zu viel an Zeit hatte, fehlt bei Zugteil 2. 

Zugteil zwei bekommt im Werk nur frisches Wasser für mehr bleibt keine Zeit.

Doch die Fahrgäste sollen vom nächtlichen Einsatz und der knappen Zeit möglichst nichts spüren, wenn sie morgens den Zug besteigen. Abhilfe schafft in solchen Fällen die sogenannte Unterwegsreinigung. Heißt: bereits während der Fahrt geht ein Kollege von DB Services durch den Zug und beseitigt Abfall und Müll, leert die Papierkörbe und reinigt die Toiletten. Und schließlich müssen sich unsere beiden Zugteile ja auch noch finden. Ziel ist ja die gemeinsame Abfahrt um 7:01 Uhr aus dem Werk. Heißt: Frischwasser auffüllen und los. Das Bistro wird erst am Ostbahnhof aufgefüllt.

Wencke Wallstein läuft zügigen Schrittes zum Gleis.

Im Steuerwagen treffen wir Bereitstellungslokführer Harald Plasczyk. Ihm bleibt nicht viel Zeit, Zugteil 2 auf die Abfahrt vorzubereiten. Bevor sich der ICE 944 final in Bewegung setzen darf, sind in beiden Zugteilen noch einige Handgriffe notwendig. Vorbereitungsdienst heißt das im Fachjargon. Plasczyk muss unter anderem eine Bremsprobe durchführen und den elektronischen Buchfahrplan (EbuLa) für die Fahrt nach Düsseldorf aufspielen – gleiches macht sein Kollege in Zugteil 1 zur selben Zeit.

Bereitstellungslokführer Harald Plasczyk bereitet den Zug für die pünktliche Abfahrt vor.

Langsam wird's knapp

Die automatische Bremsprobe muss abgebrochen werden. Zu wenig Zeit, denn die 20 Minuten, die dafür benötigt werden, gibt der Puffer nicht mehr her. Es ist schon 6:30 Uhr. Routiniert führt Plasczyk die Bremsprobe manuell durch. Doch worin liegt der Unterschied? „Bei einer automatischen Bremsprobe werden noch weitere Systeme geprüft, nicht nur die Bremsen, auch die Klimatisierung wird eingeleitet. Sie wird selbstständig vom Zug durchgeführt. Bei der manuellen Bremsprobe prüfe ich die Bremssysteme und die Hauptluftbehälterleitung.“, erklärt Harald Plasczyk. Auch das ist sicher und die erlaubte Alternative, wenn die Zeit nicht reicht. Ohnehin wird jeder Handgriff, den er hier im Steuerwagen tätigt, dokumentiert. Um 6:38 Uhr der Anruf von B-Disponent Marco Gebhardt, er könne abfahren, der andere Zugteil stehe zum Kuppeln bereit. „Ein paar Minuten brauche ich noch!“ Jeder Handgriff Plasczyks sitzt, keine Spur von Stress. Um 6:44 Uhr ist der zweite Zugteil betriebsbereit, um 6:46 Uhr auch der EBULA eingespielt. 

Keine technischen Störungen - Die Fahrt kann beginnen

Die Fahrt kann losgehen. 6:47 Uhr: kurzer Anruf beim B-Disponent Gebhardt und die Info via Durchsage an Frau Wallstein, die immer noch im Zug unterwegs ist, dass die Fahrt nun beginnt, sich die Türen in Kürze schließen werden.

Bereitstellungslokführer Plasczyk im Einsatz:

Ein letzter voller Müllbeutel fliegt aus dem Zug auf das Gleis. Dort liegen schon einige, die werden später eingesammelt. Die Türen schließen sich. Auf der langsamen Fahrt über das Betriebsgelände - 25 km/h darf er hier fahren - berichtet Harald Plasczyk, dass eine kurzfristige zusätzliche Reinigung ein häufiger Grund für eine nicht pünktliche Bereitstellung sei. Sieht es zu arg aus, muss DB Services noch einmal anrücken. Heute nicht, dank Wencke Wallstein. Mit einem weiteren Müllsack kommt sie zu uns in den Steuerwagen.

Für die Kunden packen alle mit an, auch Chefin Wencke Wallstein.

Langsam nähern wir uns dem ersten Zugteil. Die Klappen sind schon geöffnet. Der Zug muss erst stehen, dann rollt er nochmal langsam an den anderen ran. Kurzer Ruck. Aus zwei Zügen ist einer geworden. Auch das Kuppeln führt immer mal wieder zu Problemen. Aber nicht heute. 

ICE 944 über Hannover nach Köln, vereint in der Bereitstellung.

Alles hat geklappt. Plasczyk übergibt an seinen Kollegen im ersten Zugteil. Seine Arbeit für diesen Zug ist getan. Pünktlich um 7:01 rollt der Zug von Rummelsburg Richtung Westen und ist um 7:08 Uhr im Berliner Ostbahnhof. Wenn auch knapp: Die erste Etappe unseres ICE 944 auf dem Weg von Berlin nach Hannover hat geklappt.

Die große Pünktlichkeits-Reportage - Lesen Sie hier in Kürze die nächsten Teile.  


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